Heute Morgen stand ich unter der Dusche und dachte bei mir, ohne mich vorher eingehend mit dem Thema beschäftigt zu haben und ohne dessen Gewicht zu ahnen: “Bananen sind Bananen und absonderlich nominalistisch durchtriebene Geckos überprüfen steuerliche Nivellierungen anhand brauner dada Bananenfäden”, und während ich das dachte, überkam mich ein humoristisches Gefühl, welches ich nicht in Worte zu fassen in der Lage war, weil ich weder Zeit noch Konzentration vorfand, um dieses In-Worte-Fassen an mir selbst vorzunehmen. Als ich des Abends wieder unter der Dusche stand, erinnerte ich für mich, wie mir das morgendliche Erlebnis im Laufe des Tages komplett entschlüsselt worden war. Leicht verändert war mir die Szene eines duschenden Studenten mit ähnlichen Gedanken im Frühstücksfernsehen begegnet, während wenig später im Radio ein Sketch lief, der einen Studenten mit meiner Bananenthese parodierte und eben jenes humoristische Hochgefühl persiflierte, welches mir ein junger Doktorand (es war erst die zweite Woche des neuen Semesters) als exakten Impetus neben dem Dekonstruktivismus für seine Dissertation erklärte, die auf einer der psycho-analytischen Kritik kritisch entgegenstehenden Interpretation des dekonstruktivistischen Charakters meiner Bananenthese beruhte. Dass ich überhaupt geduscht hatte und jetzt nochmals duschte, fußt trivial auf der neuen Ausgabe der DIE ZEIT-Campus, auf einigen Grundbegriffen der Soziologie sowie auf der simplen Tatsache, dass Ich nur noch unter der Dusche ist.
Lobby
isten bei der Arbeit: msnbc-Nachrichtensendung erlangt Einblick in ein Memo der American Bankers Association. Darin wird erläutert, wie die Occupy-Bewegung medial zu zerlegen sei. Ein Zitat daraus:
…will also identify opportunities to construct fact-based negative narratives of the Occupy Wall Street for high impact media placements to expose the backers
Mehr dazu und das Video der Sendung hier.
Über die illustre Aneinanderreihung von “to construct” und “fact-based” muss man nichts mehr sagen. Die Formulierung “negative narratives” zeigt recht gut, wie selbstverständlich mit der Texttechnik des Geschichten-Erzählens in medialen (Shitstorm-) Kampagnen gearbeitet wird.
Was die Philosophie Friedrich Nietzsches für die Kultur bedeutet, wird heute ebenfalls von Lady Gaga geleistest: Sie sind Anti-Helden, ihre Wirkung ist die von Anti-Materie und Anti-Text in Bezug auf ihre Gegenspieler in den geheim operierenden Werte-Stationen der Gesellschaft.
Die Verschaltung von Massenkultur und Hochkultur, die in solchen Thesen immer mitgedacht wird, scheint in zwei Bewegungen stattzufinden. Einerseits hat sich das Verstehen geändert. Das ist die performative Bewegung: Massenkulturelle Güter wie Erzählungen (Literatur bis Videogame) werden so verstanden, dass beispielsweise ein Bezug auf eine Cola-Dose auf die gleiche Weise interpretiert werden kann, wie Thomas Manns Thanatos-Bezüge in “Tod in Venedig”. Die “Raffinesse” des Bedeutungsspiels ist die gleiche. Die Massenkultur schafft sich mit dieser Bewegung ein eigenes Verweissystem. Andererseits schreibt sich die Massenkultur in die Hochkultur ein. Das ist die referentielle Bewegung: Ausgehend von Massenkulturgütern werden Verweise gezogen zu Kulturgütern, die traditionsgemäß der Hochkultur angehören. Sehr direkt geschieht dies beispielsweise in Form von Büchern wie “Die Simpsons und die Philosophie”, “Philosophie in Twilight” oder “Der Herr der Ringe und die Philosophie”. Diese Bewegung holt andere Verweissysteme in das Verweissystem der Massenkultur hinein.
Nun soll es hier aber nicht darum gehen, die Massenkultur vor der Hochkultur durch die Interpretierbarkeit ihrer Güter zu rechtfertigen, oder einfach nur Verweise aufzuzeigen. Es soll hier in erster Linie eine Umoperation oder – Transformation aufgezeigt werden, die sowohl performativ als auch referentiell ist: Friedrich Nietzsche ist zu Lady Gaga geworden, weil Lady Gaga wie Friedrich Nietzsche wirkt.
Anti-Helden
Wer sich und seine Fans in der heutigen Zeit als Fame Monster bzw. als Mother Monster bezeichnet oder sich um 1900 in einer autobiographischen Schrift als jemand erklärt, der eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch [sei], die man bisher als tugendhaft verehrt [habe], grenzt sich von anderen schon alleine dadurch ab, dass er sich selbst setzt. Bei Nietzsche und bei Lady Gaga verläuft diese Selbstsetzung jedoch konträr. Während der Philosoph sich in Opposition zu seinen Gegenspielern begibt, pflanzt sich die neue Pop-Queen an die Spitze derjenigen, die es zu entmachten gilt. Und in letzter Instanz wird das Lady Gaga selbst sein.
Meiner Meinung nach kann die Wirkung dieser beiden Anti-Helden in jedem Fall als identisch angesehen werden. Und diese Brücke schlussendlich lässt sich über die unterschiedliche Beschaffenheit der Wert- und Moralvorstellungen ihrer Kulturzeiten und Kulturkreise schlagen.
Friedrich Nietzsche
Nietzsche muss in seiner Zeit ein großer Spielverderber der Kultur gewesen sein. In seinen philosophisch-literarischen Publikationen argumentiert er brüllend gegen die impliziten Werte und handlungsleitenden Vorstellungen seiner Zeitgenossen. Das Werk Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft (1886) beginnt mit einer Dekonstruktion dessen, was noch heute, 125 Jahre später, für die wesentlichen Elemente von moderner Gesellschaft wie Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kommunikation und Kultur basal bis lebenserhaltend ist: Ein gemeinsam belastbarer Begriff von ‘Wahrheit’. Nietzsche schreibt:
Bei allem Werthe, der dem Wahren, dem Wahrhaftigen, dem Selbstlosen zukommen mag: es wäre möglich, dass dem Scheine, dem Willen zur Täuschung, dem Eigennutz und der Begierde ein für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben werden müsste. Es wäre sogar noch möglich, dass w a s[Herv. F.N.] den Werth jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein.
Mit dieser, zunächst auf die Philosophen ausgerichteten Kritik setzt sich Nietzsche in Opposition zu dem, was Philosophie bis in diese Zeit sein und repräsentieren will, nämlich die Vertreterin und Hüterin der Wahrheit mit dem reinen, zweckfreien Motiv der Wahrheitssuche. Dieses Rollenspiel samt impliziter Motivation entlarvt Nietzsche nun als ein notwendig interessengeleitetes Wirken, dass sich immer, wenn auch unbewusst, selbst bereichern will, indem es eine bestimmte Weltsicht zementiert, in der es eine gute und verehrte Rolle einnehmen kann. Das lässt sich ganz unphilosophisch am Beispiel des ‘bösen netten Menschen’ erläutern. Es gibt Menschen, die sich selbst als rücksichtsvoll und nett darstellen, sich aber imgrunde nur dadurch hervortun, dass sie die größten Stinkstiefel sind. Ihr Weltbild konstruiert sich aus den argen Beschwerden über die Rücksichtslosigkeit und Nicht-Nettigkeit ihrer Mitmenschen. Innerhalb ihrer Wirklichkeit sind sie die Könige, wie die Philosophie sich in einer Wirklichkeit, deren höchstes und erstes Gut die allgemeingültige Wahrheit ist, immer an oberste Stelle setzen kann. Ein Kurzschluss ist hier jedoch zu vermeiden. Der Stinkstiefel und die Philosophie sind damit nicht die neuen ‘Teufel’, die moralisch abzuwatschen sind. Sie legen nur nicht ihre eigennützigen Motive offen. Ebenfalls in dem oben erwähnten Werk schreibt Nietzsche weiter:
Sie[die Philosophen] stellen sich sämtlich, als ob sie ihre eigentlichen Meinungen durch die Selbstentwicklung einer kalten, reinen, göttlich unbekümmerten Dialektik entdeckt und erreicht hätten [...]: während im Grunde ein vorweggenommener Satz, ein Einfall, eine “Eingebung”, zumeist ein abstrakt gemachter und durchgesiebter Herzenswunsch von ihnen mit hinterher gesuchten Gründen verteidigt wird: – sie sind allesamt Advokaten, welche es nicht heissen wollen, und zwar zumeist sogar verschmitzte Fürsprecher ihrer Vorurtheile, die sie ” Wahrheit” taufen – und s e h r[Herv. F.N.] ferne von der Tapferkeit des Gewissens, das sich dies, eben dies eingesteht, sehr ferne von dem guten Geschmack der Tapferkeit, welche dies auch zu verstehen giebt, sei es um einen Feind oder Freund zu warnen, sei es aus Uebermuth und um ihrer selbst zu spotten.
Wenn sich schon die Erkenntnis von Wahrheit in einem interessengerichteten Denken, einem Herzenswunsch, auflöst, dann gilt dies auch umso mehr für Moral, für die Gebote und Maßstäbe guten und richtigen Handelns. Verkürzt argumentiert gibt es für Nietzsche also verdeckte Motivationen, auf die sich das, was wir für allgemeingültig und allgemeinrichtig halten, zurückführen lassen. Federführend in diesem Schauspiel ist für Nietzsche der Wille zur Macht, der, kurz gesagt, alles und jedem zugrunde liegt, dem Stinkstiefel, dem Philosophen und dem Blogger von nebenan, Lady Gaga, der Natur …
Warum ist Nietzsche nun ein Anti-Held?
Vorweg: Dass sich Anti-Helden nur durch charakterliche Defekte, Schwäche, Selbstsabotage und den exzessiven Konsum von negativen Gefühlen oder Drogen definieren, ist grober Unfug. Meinem Verstehen nach entscheidend für den Anti-Helden ist, dass er die impliziten und expliziten, HANDLUNGSLEITENDEN Werte der Welt, in der er sich bewegt, stark verzerrt oder sogar auf den Kopf stellt. Der Held hingegen adaptiert diese Werte und reproduziert sie durch sein Handeln. Ob jemand also tendenziell Held oder Anti-Held ist, hängt unter dieser Perspektive stark von den Dingen ab, die in seiner Umwelt, seinem Umfeld und seinem Kulturkreis für wahr/falsch, gut/böse, gut/schlecht oder schön/hässlich gehalten werden.
Helden rasen innerhalb ihrer (Erzähl-)Welt, in der sie handeln zwischen diesen beiden Polen hin und her. Man kann im Grunde nur Tendenzen angeben, in welchem Skalenbereich “die Hauptfigur” häufiger anzutreffen ist.
Zwei Beispiele: Ist Tony Stark alias Iron Man (Verfilmung) eher ein Held? Der Plot sagt ja. Er beschützt Amerika. Die handlungsleitenden Werte seine Umwelt setzten sein Handeln tendenziell in den Bereich des Anti-Helden, denn er beschützt Amerika vor sich selbst. Peter Parker alias Spiderman (Verfilmung) steht zwar an manchen Stellen der Erzählung im krassen Konflikt mit sich oder seiner Umwelt (Spiderman wird kriminalisiert), jedoch tastet er in keinster Weise die Wertvorstellungen seiner Welt an.
Für die fette Frage ist diese Perspektive deswegen wichtig, weil Nietzsche ebenfalls schnell zwischen diesen beiden Polen der “Umwertung der Werte” (Anti-Held) und konservativen Wertereproduktionen (Held) pendelt. So versucht er aus seinem Konzept des Willens zu Macht auch normativ-konservative handlungsleitende Werte abzuleiten, bspw. in seinen Überlegungen zur Erhöhung des Typus Mensch. Nietzsche ist vieles, aber sicher kein Anhänger des “anything goes”. Dennoch – und das ist das Entscheidende – ist Nietzsche tendenziell eher ein Anti-Held, weil er sich nicht nur in Opposition zu den idealen Vorstellungen von Wahrheit und Moral seiner Zeit und seines Kulturkreises setzt, sondern weil er diese auch noch herunterbricht, demaskiert und schlussendlich auflöst in die eigennützige Verschleierung naturgegebener, instinktiver Motive. Wie auch die physikalische Anti-Materie als Wirkung die Auflösung, die Annihilation der Materie zur Wirkung hat, hat der Anti-Held Nietzsche diese Wirkung in der Kultur entfaltet, wenn er als Vordenker vieler postmoderner Theorien gesehen wird, die sich u.a. auf die obigen Zitate herunterbrechen lassen und all das, was man Wahrheit oder Wirklichkeit nennen will, auflösen in Diskurse, Machtbeziehungen oder Aufmerksamkeitsströme.
Lady Gaga
Wo Nietzsche noch eine starke Opposition gegenüber einer Traditionsgesellschaft von Wahrheit und Moral in den letzten Zügen ausbilden konnte, steht Lady Gaga heute vor einer Mannigfaltigkeit von Wert- und Moralvorstellungen. Gut und richtig kann nicht mehr auf einen Nenner gebracht werden. Die Informationen und Schriften zu den impliziten Themen “Wie wir zu leben haben” und “Die Wahrheit über…” sind gigantisch, sie sind auf noch vielfältigere Weise widersprüchlich und würden, befolgte man jedes gute Argument, in totale Handlungsunfähigkeit führen. Dass dabei alle tausend Blasen von “Was richtig ist und wie man sich verhalten soll” einen gemeinsam belastbaren Begriff von Wahrheit verwenden, steht zu dieser Vielfalt nicht im Widerspruch. Man riecht ihn zwischen Zeilen und Bildern. Es riecht nach interesseleitendem Kupfer. Wie kann man hier noch auf die gleiche Weise einwirken, wie Nietzsche es gegenüber einer eindeutigeren Opposition getan hat?
Man wird prominent und beginnt, die Werte die man dadurch reproduziert, selbst zu dekonstruieren: Lady Gaga löst mit jedem Beat und jeder Textzeile das auf, was sie für ihre Fans verkörpert.
Fame – Am Beispiel des Themas “Ruhm” in Lady Gagas Texten lässt sich das konkret verdeutlichen. Ihr Debut-Album ‘The Fame’ von 2008 ist einerseits ein Hohelied auf den Ruhm und andererseits auch der unmittelbarer Durchbruch zu weltweitem Erfolg für die Kunstperson Lady Gaga. Die beeindruckenden Chartplatzierungen und Verkaufszahlen zu diesem Album lassen sich u.a. auf Wikipedia nachschlagen. In den Lyrics finden sich Textzeilen wie
Fame, doin‘ it for the fame // Cause we wanna live the life // Of the rich and famous // Fame, doin‘ it fort he fame // Cause we gotta taste for champagne // And endless fortune
aus dem Titelsong ‘The Fame’
oder
We do the dance right // We have got it made like // Ice Cream topped with honey
// But we got no money
aus ‘Beautiful, Dirty, Rich‘.
Beides deutet schon die Art und Weise an, wie ‘Fame’ in diesem Werk verstanden werden soll. Lady Gaga beschreibt den Ruhm als ein von der Außenwelt und dem Materiellen vollständig unabhängiges Gefühl, das jedem Menschen zuteilwerden kann. Über ihr Debut-Album sagt sie in einem MTV-Interview:
„Diese Vorstellung von Ruhm zieht sich durch das ganze Album. Im Grunde genommen, kann man sich, auch wenn am arm ist und nichts hat, trotzdem wunderschön und reich fühlen. The Fame handelt von Selbstfindung und Kreativität. Die Musik soll die Leute dazu anstiften, sich in einer bestimmten Weise wahrzunehmen, so dass sie eine Art „inneren“ Ruhm entwickeln, den sie auf ihre Umwelt übertragen können und die sorgenfreie Grundstimmung des Albums spiegelt dieses Gefühl von innerem Ruhm wider.“ Quelle
Dieser Interview-Ausschnitt ist mit Sicherheit an mehreren Stellen sinnvoll und produktiv kritisierbar, gerade wenn es um die Massenkrankheit ‘Illusion’ und deren lukrativen Verkauf geht, aber: Mein Verstehen ist hier ein anderes. Lady Gaga hat mit diesem Album tatsächlichen Welterflog erreicht. Sie hat sich damit eingereiht in eine “kleine” Gruppe von Bewunderten, denen eine riesige Menge an Bewunderern gegenübersteht. Doch aus ihren Texten spricht ein mitspielender Spielverderber in beide Richtungen. Zum einen verkauft Mother Monster keine Illusion, sondern sie erteilt hier eine elterliche Erlaubnis an ihre neuen Philosophen, an die Little Monsters & Fame Monsters, die Grenze der Bewunderung einzureißen und sich damit von den impliziten Ansprüchen und Texten derer, die einst bewundert wurden, frei zu machen. Zum anderen wird dadurch auch der Status “Prominent” aufgeweicht und verliert seine Anziehungskraft, was vor allem bei Falsch-Helden wie Paris Hilton eine gesunde Entwicklung ist. Lady Gaga bedient diese beiden Spielrichtungen, indem sie auf ‘The Fame’ den ‘Fame’ dekonstruiert als ein von der materiellen Welt vollkommen unabhängiges, subjektives Gefühl, das keine höhere Wahrheit und keine höhere Moral zu generieren hat.
Nachtrag: Der Ruhm als Prestige verstanden, ist jedoch nicht zu verwechseln mit dem realen Erfolg Lady Gagas. Denn der kam, laut Biograpahie, mithilfe der klassischen, schweißtreibenden Ochsentour durch alle noch so kleinen Clubs, gepaart mit Talent und Ausdauer, zustande. Das tötet dann auch die Illusionen ab.
Beauty – Genauso wie mit dem Ruhm verfährt Lady Gaga in ihren Texten mit der Werte-Station der Schönheit bzw. der Selbstsicht. Beispielsweise dekonstruiert sie auf ihrem 2011 erschienenen Album ‘Born this way’ in dem gleichnamigen Song ebenfalls das, was sie gleichzeitig verkörpert, nämlich ein Schönheitsideal.Und wieder geschieht dies über eine elterliche Erlaubnis, sich jedem Diktat eines Ideals zu entziehen, bzw. sich selbst als OK zu setzen.
My mama told me when I was young // We are all born superstars // She rolled my hair and put my lipstick on // In the glass of her boudoir
“There’s nothin’ wrong with lovin’ who you are” // She said, “’cause He made you perfect, babe” // So hold your head up, girl and you’ll go far // Listen to me when I say // Chor.: I’m beautiful in my way // ‘Cause God makes no mistakes // I’m on the right track, baby // I was born this way
aus ‘Born this way’.
Lady Gaga selbst gibt dem ganzen Album aber nicht nur die “Liebe dich selbst”-Prämisse mit. Sie charakterisiert es als ein soziologisches Radiergummi, das die Möglichkeit beweisen soll, sich selbst neu zu setzen, frei zu setzen von anerzogenen Beschränkungen der Eltern oder der Uwelt und damit auch vom Beauty-Diktat.
”The nexus of ‘Born This Way’ and the soul of the record reside in this idea that you were not necessarily born in one moment. You have your entire life to birth yourself into becoming the ultimate potential vision that you see for you. Who you are when you come out of your mother’s womb is not necessarily who you will become. ‘Born This Way’ says your birth is not finite, your birth is infinite.” Quelle
Ein weiterer Beleg für Lady Gagas Einstellung zum Thema ‘Selbstsicht’ findet sich in einem Interview im Rahmen des Germany’s Next Topmodel Finales 2011.
Moderatorin: [...] “How important are looks for you?”
Lady Gaga: “Well, i wouldn’t say that looks are important but i am someone that definitely lives halfway between reality and fantasy at all time so style is very important to me. I love theatre.” Quelle
Die Differenz zwischen “look” (Aussehen) und “style” ( Stil / Art und Weise) scheint in der deutschen Verwendung der Anglizismen zu verwischen. Für Lady Gaga ist dieser feine Unterschied jedoch entscheidend. Der “look”, das reale Aussehen einer Person, ist für sie weniger wichtig, als die Art und Weise der Selbst-Inszenierung. Und diese Selbst-Inszenierung ist in Form unseres alltäglichen Rollenspiels, des Alltags-Theaters, eine soziologische Tatsache. Hier treffen Selbst-Fiktion und Realität aufeinander. Was die Kunstperson Gaga also mit ‘Born this way’ und ihrer Dekonstruktion von Schönheitsidealen macht, ist nichts anderes, als der autonomen Fiktion der eigenen Person die Vormachtsstellung gegenüber den impliziten Fremd-Bestimmungen innerhalb von Gesellschaft einzuräumen. Nicht deine platte Nase bestimmt, wie deine Umwelt auf dich reagiert, sondern deine Inszenierung auf der Bühne des Arbeitsplatzes, der Uni, der Schule, der Familie, der Parnterschaft.
Analog zum ‘Fame’ lässt sich also auch für ‘Beauty’ sagen, dass nur durch das reale Aussehen keine höhere Wahrheit oder Moral, kein besseres Sein, generiert werden kann.
Mit dem Primat der Selbst-Inszenierung verlieren Schönheit und Ruhm ihre wert- und moralgenerierende Autorität und vielleicht auch ihre affektgeladene Anbetung.
Warum ist Lady Gaga nun ein Anti-Held?
Lady Gaga ist eher ein Anti-Held, da sie in einer Welt aus realem Fame und realer Beauty alles daran setzt, diese beiden Werte als Schein, als hochgradig subjektiv, zu dekonstruieren. Zwar reproduziert sie mit ihrem realen Sein diese Werte, da sie ein attraktiver, erfolgreicher Weltstar ist, jedoch stehen ihre Texte im Verhältnis dazu als Anti-Texte. Sie lösen die Werte der Lady Gaga-Welt wieder auf in subjektives Empfinden und Handeln und eben nicht in ein soziales Diktat.
Die Umoperation und was sie so erfolgreich macht
Lady Gaga wirkt also wie Friedrich Nietzsche, weil sie ebenfalls die handlungsleitenden Werte ihres kulturellen Umfeldes auflöst. Das Ergebnis dieser Überlegung findet sich nun in der Frage, warum um 1900 diese Wirkung in Gestalt von Friedrich Nietzsche und heute in Gestalt von Lady Gaga ausgeübt wird. Anders formuliert: Warum hat die Gesellschaft die Wirk-Gestalt umoperiert und was macht sie so erfolgreich?
Letzteres hängt meiner Meinung nach sehr stark mit dem Komplex von Erlaubnis & Verbot zusammen. In Eric Berne’s Buch “Was sagen Sie, nachdem sie Guten Tag gesagt haben?: Psychologie des menschlichen Verhaltens”, findet sich zu diesem Komplex eine kulturwissenschaftlich produktive Sichtweise. Der Psychologe entwickelt ein Modell, nach dem wir uns in den meisten Situationen des Lebens immer auch als Kind unserer Eltern und unseres kulturellen Umfelds verstehen müssen. Daraus ergibt sich nun ein interessantes Schauspiel an Wirkungen. Von dieser Perspektive aus betrachtet, haben wir nämlich ein äußerst wachsames Kinderohr für Ge- und Verbote aber auch für eine Erlaubnis. Die Werbung macht sich das seit längerem zunutze. Produkte wie ‘Du darfst’, ‘Ja!’ oder der Claim ‘Geiz ist Geil’ können als Erlaubnis gegen implizite Verbote (Du darfst nicht so viel fressen. / Geizhälse sind uncool.) verstanden werden. Meiner Meinung nach sind u.a. die Kulturgüter erfolgreich, die einer sehr starken, impliziten gesellschaftlichen Anforderung oder einem Verbot eine befreiende Erlaubnis entgegensetzen. Thilo Sarrazin wäre hier ein negatives Beispiel, weil er den Deutschen die Erlaubnis erteilte, den kleinen Faschisten (wieder) herauszulassen. Videogames sind in vielfacher Hinsicht ein Beispiel für Erlaubnisse. Und wie bereits gezeigt, benutzt auch Lady Gaga erfolgreich die Wirkung der Erlaubnis, um ihre meist jungen Fans von den ‘Fame’- und ‘Beauty’-Geboten ihrer Vorbilder und der Medien zu entbinden.
Zur Frage nach dem ‘Warum’ der Umoperation: Es kann heute nur eine Pop-Queen im Fleischkleid mit Transgender-Aspekten sein, die Erlaubnisse erteilt, weil sich die Kultur immer genau den Anti-Helden herbeizaubert, der am wirkmächtigsten gegen das vorgehen kann, was uns die Finger verbrennt. Selbstliebe gegen die Brandmarken einer Disziplinargesellschaft und ein kaltes Stück Fleisch auf’s blaue Auge, das uns unser Spiegelbild gehauen hat. Stellen Sie sich die Kultur als einen Action-Comic vor. Welcher Anti-Held wird in der Wirk-Gestalt des Erlaubnis-Menschen an Lady Gagas Stelle treten? Und was ist unsere Rolle in dem Stück?
Diese wenigen Zeilen sind aus der Not geboren. Das mit dem Geld und mit dem Euro und den Staatsverschuldungen und den Ratings und den Derivaten und der Spekulation und der Selbstwertschöpfung verstehe ich nicht. Das ist wunderbar, denn:
Als man Anfang des letzten Jahrhunderts Gott nicht mehr verstanden hat, wurde er abgeschafft, resp. für tot erklärt.
Ähnliches passierte Ende der 60ger Jahre mit dem Autor. Man musste ihn nicht mehr verstehen, er wurde abgeschafft, resp. für tot erklärt.
Dann hat Foucault das Subjekt abgeschafft, resp. für tot erklärt, ich glaube, weil es sich ohne sich selbst verstehen ließ.
Heute verkündete u.a. die Berliner Morgenpost, dass man Leerverkäufe an Börsen verboten hat. So ähnlich habe ich zuletzt gelacht, als Hagen Rether darauf aufmerksam machte, dass Ratzinger die Vorhölle abgeschafft hat.
Leerverkäufe…Fiktion wird Realität, wenn mehr nicht zu verstehen ist, was ich bei Geld arg bezweifel und wir das eh schon verboten haben, dann könnte man es doch auch abschaffen, das Geld, resp. für tot erklären.
Selbstwidersprüchlichkeit
Manchmal beginnt mein Verstehen von Medienereignissen mit einem radikalen Wunsch nach Anderem und endet in der Erkenntnis, dass man sich mit dem Vorhandenen NICHT zufrieden geben sollte geben will. Die Berichterstattung über die Terroranschläge von Norwegen hat so einen radikalen Wunsch ausgelöst. Der Journalismus macht aus dem Ganzen einerseits unverhohlen einen ZDF-Sonntagskrimi, wenn Tempelrittersymbole analysiert und Psychogramme synthetisiert werden. Andererseits wird in manchen Zeitungen und Blogs nach einer Mittäterschaft der Medien gefragt, da sie die fragwürdigen Ideologien und Selbstinszenierungen von Terroristen oder Amokläufern verbreiten. Beides zusammen findet sich aktuell bei der SZ, wo Kurt Kister in einem uneingeschränkt lesenswerten Artikel die Frage stellt, ob man lieber schweigen sollte. Sucht man im Onlineangebot der SZ nun nach Breivik, erhält man z.Z. 55 Treffer mit so Leckerbissen wie “Wie Breivik sein wirres Weltbild ersponnen hat”, “Anders Behring Breivik, der nette Nachbar” oder “Norwegen: Das Manifest des Anders Behring Breivik. Abgründe des Abendlandes”.
Archiv: Ziel oder Anfang
Wie alles ist auch die Frage danach, ob man lieber schweigen sollte nicht neu. Noch neulich zu Zeiten Sarrazins geißelte sich die ZEIT ob ihrer Rolle als Verbreiterin jener kruden Thesen des SPD-Mannes. Geht man zehn Jahre zurück finden sich ähnliche Reaktionen nach den Terroranschlägen des 11. Septembers. Inwiefern haben die Medien hier bei der Inszenierung, Verbreitung und Deutung mitgewirkt und wie sehr haben sie das ganz im Sinne Osama bin Ladens getan? Ersetzt man bin Laden durch Breivik, es werden sich die gleichen Texte bezüglich jener Hebammenfunktion der Medien finden lassen. Ersetzt man Terrorist durch Amokläufer oder Sarrazin findet sich ebenfalls eine Menge selbstkritischer Zeitungsartikel darüber, wie sehr der mediale Fokus Spielgewinn und Plattform solcher Menschen ist. Die Archive sind voll von Schaulust und Kritiklust, doch die laufende Berichterstattung nimmt diese Archive immer nur als Anfang ihrer Selbstkritik; nie sind ihre Texte gewirktes Ziel ihrer Reflektionen und so produziert man aus den Archiven Redundanzen für die Archive, damit sowohl die Schaulustigen als auch die kritiklustig Distanzierten ihren schmackhaften Text-Brocken bekommen.
Kommunikation und Ritual
Dem Textspektakel zugrunde liegt ein Problem, das der Soziologe und Terrorismusforscher Peter Waldmann bereits in seinem 1998 erschienen Buch “Terrorismus: Provokation Der Macht” auf den Punkt bringt: Terrorismus ist primär eine Kommunikationsstrategie. Das ist tragisch, weil: Medien sind primär Kommunikation. Deswegen halten die vermeintlich ‘seriösen’ Zeitungen dem ‘Boulevard’ immer vor, sie würden sich mit der effektgeladenen Berichterstattung zum schafsdummen Kommunikator des Terrors und seiner Botschaft machen. Da fragt man sich doch, ob nur ‘Leser’ und nicht ‘Texter’ mal die viel hofierte Bestsellerliste vom Spiegel lesen. Zu schreiben: “Ihr sollt nicht darüber berichten, dass jemand namens Breivik in Norwegen 77 Menschen ermordet hat, um ein Zeichen gegen Verfremdung und Islamisierung zu setzen, das er mit einem ca. tausendseitigen Manifest unterstreicht, das man überall im Netz findet, aber das keiner lesen darf, usw…” ist äquivalente Texttechnik zu “Denken sie jetzt nicht an einen blauen Elefanten”, der Titel eines Bestseller-Sachbuchs aus dem Rowohlt Verlag. Es müsste lediglich heißen “BERICHTEN sie jetzt nicht von einem blauen Elefanten” (der gerade um die Häuser streift).
Das 2006 erschienene Buch des Medienjournalisten Stephan A. Weichert, Die Krise als Medienereignis : Der 11. September im deutschen Fernsehen, nimmt eine etwas andere Perspektive als Waldmann ein. Weniger geht es hier um eine Vergewaltigung medialer Kommunikation durch die Terrorbotschaft. Es wird anhand empirisch vorhandener Daten (Programmabläufe, Nachrichtentexte und Darstellungskonventionen) in der Hauptsache versucht aufzuzeigen, wie stark die Berichterstattung im Fernsehen bei Ereignissen extremen Ausmaßes wie 9/11 ritualisiert ist und wie dem Zuschauer diese Ritualisierung das Gefühl vermittelt, die Krise wäre unter Kontrolle. Dabei geht Weichert sogar bis in die narrativen! Deutungsmuster der gesprochenen Nachrichtentexte. Diese Ritualisierung ließe sich nun auch in der immer gleichen Selbstkritik der Medien sehen. Dass sie Distanz zur Katastrophe fordern, dass sie erzählen, nicht Handlanger des Terroristen sein zu wollen, aber auch gleichzeitig, dass die Medien das Bedürfnis nach Analyse und Verständnis durch mehr oder weniger seriöse Psychogramme und Deutungen stillen wollen, all das suggeriert Kontrolle und so brüllt gebetsmühlenartig selbst die Selbstkritik über die Berichterstattung im Grunde nur eines heraus: Ich habe das Unverstehbare verstanden und bei mir gibt es “Kontrolle zu lesen”, weil ich dem Terroristen mit meiner medienkritischen Darstellung die Verbreitung seiner Ideologie verweigere. Diese Aussage bedient aber auch nur Illusionen und vielleicht noch ein Publikum, welches sich in seinem “Kritik”-Gebrüll auch schon vollständig befriedigt erschöpft: – sonst müssten wir ja nicht jedes Mal aufs Neue das Ritual angehen.
König Bedeutung und mein Verstehen!
Wie kann man diesem ritualverhafteten Geblöke nun entkommen? Indem man zuhört! Nur darf man sich beim Zuhören nicht ins Verstehen quatschen lassen. Zu Beginn will man sich also klar machen, wer alles seine Wurstfinger in unserem Verstehen hat. Hier ist zuerst Breivik selbst zu nennen. Er versucht seine eigentlich sinnleere Tat mit seiner Deutungshoheit zu überfrachten und zu überschreiben. An jeder Stelle hat er seine Welt-Hermeneutik angeknüpft, sodass jede journalistische Analyse notwendig diese Ideen aufgreifen muss. Die Semantik des Terroristen, der uns mit ihr gleichsam Regeln des Verstehens seiner Tat liefert, ist im Grunde erster Gegner und Endgegner des eigenen Verstehens. Hier will man vielleicht gucken, wie der Täter seine Tat sieht, aber mehr auch nicht. Dann kommen zuhauf die Journalisten, auf deren Verstehen man nicht setzen sollte will, weil man ja schließlich ein eigenes hat. Sie suggerieren Kontrolle, Verständnis und im schlimmsten Fall noch Mitgefühl. Die Semantik, mit der sie die sinnleere Tat füllen, ist eine Form genüsslich abgeschmeckter Unwissenheit und schwankt inhaltlich zwischen der Ausrichtung ihrer Arbeitgeber und der Semantik Breiviks, die man wie eine Bettdecke im Delirium mal paranoid von sich strampelt nur um sie dann wieder umso mächtiger zu umklammern (siehe Artikel der SZ). Doch noch jemand hat seine Finger im Spiel. Die Politik versucht dem Ereignis etwas Macht abzugewinnen und wirft ebenfalls eine Semantik ins Spiel, die sich je nach politischem Lager variieren lässt, sodass man stärkere /schwächere Waffengesetze, bessere Überwachung, Schutz der Privatssphäre, mehr Geld für Polizei oder Schulen oder Psychologen oder Sicherheitsvorkehrungen fordern kann. Noch eine derbere Fummelei ist die Verbreitung politischer Ideologien über ein solches Ereignis, sodass die Rechten bspw. sagten “Die Tat lehnen wir ab”. Das ist textechnisch für: “Die Tat fanden wir jetzt nicht so prickelnd, aber die Ansichten sind schon ganz OK.” Ich könnte den Absatz auch schließen mit: Atomausstieg.
mein Verstehen: Die Selbstkritik der Medien ist nur eine andere Form der Semantik und des Storytellings des Geschehens, ein Re-Framing, das Kontrolle und Verstehen suggeriert, genauso wie alle anderen beteiligten Kommunikatoren auch Verstehen suggerieren wollen. Die Medien sind aufgrund ihres Wesens nicht in der Lage, die Botschaft des Terrors nicht zu verbreiten, also bleibt es an dem persönlichen Verstehen des Lesers/Zuschauers, sich dem texttechnischen Einfluss aller Beteiligten zu entziehen.
–> Die Replik wurde nach “eingehender Distanz” zu meiner eigenen Informations- und Emotionsverarbeitung gründlich entschärft und stark überarbeitet. Auch Brüllen erfordert einen kühlen Kopf!
Der Artikel der polarisierenden Mensch-Maschine, erschienen in ihrer Kolumne bei Spiegel Online, ist prinzipiell OK. Und weil man sich in der Kommunikationssphäre offenbar zu Herrn Lobo positionieren muss, wie man sich auf dem Markt der Alltagsethiken zu Bio-Bananen positionieren muss, fällt mein Urteil hier gleich aus: Bio-Bananen und Herr Lobo sind schizo. Wie können wir eine Banane als Bio bezeichnen, die mehr Bonusmeilen auf dem Konto hat, als die meisten ihrer Käufer? Weil wir schizo-blind sind und uns ganz dringend eine OK-Banane herbeizaubern wollen! Wie können wir einen Fachmann für Markenkommunikation, einen Werbetexter, eine Kolumne mit Text über Kommunikationskritik füllen lassen und dieses Gewebe dann noch prinzipiell OK finden? Weil wir dieses Schizo-Verstehen in einer Welt aus Texttechnik dringend benötigen!
Das Netz verleitet zur Überinszenierung, zum ewigen Übertrumpfen im Kampf um Aufmerksamkeit. Soziale Netzwerke verstärken die zunehmende Sensationalisierung. Doch der Leser darf nicht zum Klickvieh verkommen, findet Sascha Lobo.
Das ist der Teasertext des Artikels. Weiter heißt es darin:
Wenn schon ein Klick im Netz ökonomisches wie soziales Kapital bedeuten kann, lohnt es sich, ihn mit allen kommunikativen Mitteln zu provozieren – und hier kommt die Spektakularität ins Spiel. Das Netz belohnt durch seine Struktur diejenigen, die ihre Lockkommunikation wie Überschriften oder verlinkte Worte so spektakulär wie möglich formulieren.
Im ersten Moment könnte man sich fragen, wie solche Worte aus der Nähmaschine eines Werbetexters herausschießen können. Viele Kommentare zum Text schlagen genau in diese Richtung. Doch dann hat man den Hauptkern von Werbung nicht verstanden. Sie ist es nicht, die in erster Linie Spektakularisiert und Sensationalisiert. Werbung arbeitet feiner, mit Paradoxa, widersprüchlichen Inform-Emotionen und seit Neustem mit dem menschlichsten, was wir zu bieten haben, mit indirekter Kommunikation, weil all das zum Nachdenken nötigt. Ein sprechender Schimpanse? Eine Autowerbung in der man nur eine leere Garage sieht? Pro Age? Gute Werbung brüllt nicht. Sie schweigt und zaubert dabei Fragen. „Zaubert“, weil diese Fragen niemals konkret realisiert werden.
Und so sieht die Mensch-Maschine diese aufmerksamkeitserheischende „Störkommunikation“ des Spektakulären auch eher in der Boulevard-Presse begründet und vom privaten User verursacht als von der schweigenden Werbung, wenn als Beispiele nur die sozialen Plattformen wie Facebook und reddit.com angeführt werden. Dort werden die User zum Inhalt ihrer eigenen Boulevard-Blätter und zum Hauptdarsteller ihrer eigenen Sitcom. Die private Einschaltquote ist der Klick.
(Ökonomisch motivierte Selbstdarsteller und Schreihälse, die mit Link-Tricks und Inhaltsleere ihre Klicks und Conversion kumulieren wollen, finden bei Lobo übrigens keine Erwähnung.)
Hier Kommunikationskritik anzubringen, halte ich nun für prinzipiell OK, trifft aber nicht annähernd den Kern des Problems, den die Mensch-Maschine in der Struktur des Netzes begründet sieht. Sie belohne Klicks, Klicks würden auf spektakuläre Ankündigungen folgen und bedeuten (dieses bedeuten ist wörtlich gemeint, also bedeuten=sein) Aufmerksamkeit.
Hier fehlt es dem Text an historischem Bewusstsein, an dem Gespür dafür, dass Menschen ohne Maschinen, ohne die Möglichkeit zum Klick oder Touch genau das Gleiche machen. Seit gut 10.000 Jahren liegt uns der Wunsch nach Aufmerksamkeit auf der Zunge. Seit gut 10.000 Jahren belabern wir uns mit den gleichen Geschichten, durchleben Sensationen vom Kampf gegen Säbelzahntiger bis Osama bin Laden und reproduzieren auf sprachlicher Ebene den immer gleichen Konflikt von Leid und Glück. Glauben war mal / ist so eine Sprache. Geld ist so eine Sprache. /Links/Networking/digitales Kapital/ werden vielleicht so eine Sprache sein. Wie wir dann mit diesen Sprachen umgehen, ihr Verstehen und eine objektive Welt-Hermeneutik, erlernen wir als Kinder in den Sozialisationsprozessen unserer Familien.
Aber der Sieg der Spektakularität ist kein Kind der Netzstruktur und der Möglichkeit zum Klick. Das zu sagen, ist eine aus eigener Aufmerksamkeitssucht gewachsene Scheinschwangerschaft digitaler Boheme. Der finale Sieg der Spektakularität ist die evolutionsstabile Onanie der menschlichen Zunge, die im Netz nur neue Reibung findet.
Dennoch: So unrecht der Text auch damit hat, dass das Netz irgendetwas verstärkt oder befördert, was nicht vorher schon in gleichem Maße vorhanden war (so eine positive und neutrale Beurteilung hat das Internet wohl noch nicht bekommen); wirklich richtig liegt er bei seiner Lösung: Distanz – das ist ein Zauberwort. Die Mensch-Maschine sagt, man müsse sich vor den Spektakularitäten schützen, durch
bewußte Distanz, eine Hornhaut auf der Netzhaut … wenn man nicht irre oder Kulturpessimist werden will.
Ich würde die Distanz nur noch weiter ausdehnen wollen: Um Spektakularität, das sprachgespielte Drama, familiär eingefahrene Kommunikationsmuster einzureißen, braucht der Mensch Distanz in erster Linie zu sich selbst und seiner Sprach-, Informations- und Emotionsverarbeitung. Erst dann kann man die teils fatale Wirkung von Sprachspielen und Texttechniken an sich selbst beobachten und sich davor schützen. Damit verkommt man auch nicht mehr zum “Klickvieh”, wie die Mensch-Maschine sagt, oder zum Brüllaffen, weder in realen noch in virtuellen Räumen.
Das Schizo-Verstehen kommt – wie bei der Banane und dem Wort Bio – hier durch das Wort Kulturpessimist zustande. Seine Verwendung im Text erscheint mir in der Funktion “Leute, die alles schlecht finden und nur meckern”. Diese Funktion ließe sich auch mit “Spielverderber” oder “Spaßbremse” beschreiben und Kinder würden das im Sandkasten auch genau so verwenden. Bei Plasberg hieße es dann “Reformverhinderer”. Die texttechnische Realisierung ist ungefähr “pass bloß auf, was du machst, sonst können wir dich nicht mehr leiden”. Eine argumentative Funktion, falls es so etwas überhaupt gibt, kommt auf Faktenlage nicht zu stande. Das Wort Bio ist ja auch jeder faktischen Grundlage entzogen, wenn man sich die Bedingungen des Transports anguckt.
Mein Schizo-Verstehen: Ich esse trotzdem Bio-Bananen und finde den Text der Mensch-Maschine prinzipiell OK, bin aber ein absoluter Spielverderber /evolutionsstabiler/familiärer/kultureller/ Sprachspiele. Daher werde ich trotzdem gegen das Schweigen der Werbung und die Onanie des Spektakulären anbrüllen.
Schwere Explosionen in Tripolis // Nach Angaben des libyschen Staatsfernsehens handelte es sich um neue Luftangriffe der NATO auf militärische und zivile Ziele. Es habe auch Opfer gegeben. Der libysche Staatschef Gaddafi hatte Forderungen nach seinem Rückzug gestern erneut eine Absage erteilt.
Kirsten Gerhard
tagesschau in 100 Sek.
aufgerufen am 17.07.2011, 15:00 Uhr
Hier sind gleich mehrere Schaltkreise am Werk.
Das Re-Framing der Aussage, dass die NATO Bomben auf Tripolis wirft, ist z.B. so eine Technik. In den Zeiten, wo Quellenangaben als Maßstab für Glaubwürdigkeit im Allgemeinen dienen, ist es nur korrekt, dass libysche Staatsfernsehen anzugeben. Aber was bewirkt diese Angabe? Sie distanziert, sie irritiert und sie macht die Ereignisse, über die berichtet wird, undurchsichtig. Weil man den Jungs vom libyschen Staatsfernsehen eben nicht über den Weg traut. Jetzt ist es aber so, dass diese Quellenangabe völlig unnütz ist. Die ARD könnte mehrere andere Quellen für die gleiche Nachricht angeben, oder könnte, wie andere Nachrichtenmagazine es gestern getan haben, mit Hinweis auf London(Reuters) melden, dass die NATO schwere Luftangriffe auf Tripolis fliegt. So wird durch das Re-Framing die Information bereits mit einer undurchsichtigen emotionalen Lage verstrickt.
Zudem wird das Ereignis verschachtelt. Die Meldung beginnt mit einer Irrelevanz verglichen zu dem, was dort passiert. “Schwere Explosionen in Tripolis” – früher hätte man vermutet, dass hier das Bild einer verwüsteten Stadt vermittelt werden soll und sich über die Unverschämtheit einer effektbasierten Berichterstattung empört. Heute wabert die Bedeutung von Explosion nur um das wahre Ereignis herum, weil alles explodiert, auch Selbstmordattentäter und Bombenanschläge, der Finanzmarkt, der Milch- und Autobauer, und und und. Der Beginn dieser Meldung versucht den Zuschauer nicht emotional einzufangen, er vesucht, durch Angabe eines irrelevanten Zusatzes Distanz zum eigentlichen Geschehen aufzubauen – ein klassischer Empathie-Verhinderer, der uns noch oft begegnen wird.
Zu guter Letzt noch die Technik der Auslagerung. Man kann in dem Text von Gerhard durchaus ein Novum erheischen. Die Information ‘Opfer gegeben’ wird aus ihrem festen Kontext ‘zivil und/oder militärisch’ ausgelagert. Des Weiteren steht sie im Konjunktiv der indirekten Rede. Jetzt verhält es sich mit den Bomben aber so: Tripolis ist nicht eindeutig aufgeteilt in militärische und zivile Gebäude. Die Gruppierungen, die dort kämpfen, lassen sich ebenfalls nicht vollständig auf militärische Mitglieder herunterbrechen. Wenn jetzt die NATO Bomben auf Gebäude in Tripolis wirft, dann rufen die nicht vorher an und sagen “Geht mal da weg” oder “Schickt die Zivilisten raus. Aber die Soldaten bleiben bitte drin”. So eine Bombe ist kein Präzisionsgewehr und wenn man die über einer Stadt abwirft, dann werden Menschen getötet und nicht nur Soldaten.
Die Zweifel, die die Auslagerung transportiert, die Distanz, die durch die Trennung von “Zielen der Angriffe” und “Opfer” entsteht, die Undurchsichtigkeit über den veränderten Rahmen der Nachricht – all das webt Information und Emotion zusammen. Ich sage nicht, dass beides jemals voneinander zu trennen wäre, aber wie fühlt man sich denn bei folgender Meldung:
Die NATO, ein militärisches Interessenbündnis der westlicher Staaten, greift in die Politik Libyens, des reichsten Staates Afrikas, ein, indem es Bomben wirft, auf Häuser, in Tripolis, wodurch Menschen sterben, weil der Gaddafi nicht Zurücktreten will. Deswegen tötet die NATO Menschen in Libyen. Gaddafi hat genau das Gleiche getan. Der hat auch Menschen in Libyen getötet, weil…er nicht zurücktreten will.
Wenn ihr bei diesem Absatz nun einen Fremdschamanfall aufgrund der vermeintlichen Naivität bekommt, dann fühlt ihr die ersten Ausläufer einer Meinungsbildung durch Hör- und Sehgewohnheit.
Texttechnik funktioniert. Text und seine Bedeutung war gestern und ist heute nur noch in der Schule. Die wichtigste Frage heute muss lauten: Was will der Text bewirken???
Akut bis Subakut
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